von fsone
Nachdem die Birthler-Behörde vor ein paar Tagen einen Schießbefehl der DDR, der in Auszügen bereits 1997 in dem von Matthias Judt herausgegebenen Band „DDR Geschichte in Dokumenten“ veröffentlicht wurde, wiederentdeckt hat, ist die Deutsche Demokratische Republik mit Hilfe der Medien wieder zum Thema in ganz Deutschland hochstilisiert worden.
Vom „Schießbefehl-Streit“ war da oftmals die Rede. Auf der anderen Seite wurde den Deutschen wieder einmal ins Gedächtnis gerufen, welches Erbe die Bundesrepublik durch die Vergangenheit der DDR mit übernommen hat – dieses mal jedoch nicht in Form eines illustren Kinofilms, dessen Botschaft man beim Herausgehen aus dem Kino bereits zu vergessen beginnt, sondern in Form eines echten, authentischen Zeitdokuments.
Selbstverständlich wirft die Wiederentdeckung eines solch brisanten Dokuments auch die Frage auf, wie die jüngere Generationen, die den Mauerfall gar nicht oder nur im Kindesalter erlebt hat, mit den historischen Gegebenheiten umgeht? Wird sie vergessen, Tatsachen verdrehen oder sich schlicht nicht für die Geschichte des eigenen Landes interessieren?
Dieser Frage geht seit heute auch die Bildzeitung unter dem Titel „Was wissen junge Leute heute über die DDR?“ nach und ergänzt herausfordernd: „Bonn war die Hauptstadt und Hitler war der Boss“
Im typischen Bildzeitungsjargon erfährt man dann von Caroline Franke das die DDR wieder ein Thema ist und das gerade deswegen die Bildzeitung Jugendliche aus den alten Bundesländern auf der Straße nach ihrem Wissen über den zweiten deutschen Staat befragt hat – natürlich mit erschreckenden Ergebnissen!
Merle Collet (20), Schauspielstudentin äußert sich angeblich wie folgt: „Die Mauer stand von 1949 bis 1989. Sie fiel, weil der Osten verschuldet war. Parteien gab es nicht, es wurde festgelegt, wer regiert. Alle verdienten gleich viel und man durfte nicht verreisen. Produkte waren billig, weil nichts importiert wurde. Darum konnte man auch nur Trabi fahren.“
Betrachten wir ihre erste Aussage einmal genauer: Die Berliner-Mauer wurde zwar erst 1961 errichtet, allerdings existierte die innerdeutsche Grenze bereits seit 1949. Der Zeitpunk des Mauerfalls bedeutete gleichzeitig den Zeitpunkt der Auflösung der innerdeutschen Grenze im Jahr 1989. Unsere Studentin liegt also gar nicht so falsch.
„Sie [die Mauer] fiel, weil der Osten verschuldet war.“: De facto hatte die DDR in der Tat enorme wirtschaftliche Probleme, die schlussendlich zum Fall der Mauer beigetragen haben.
„Parteien gab es nicht, es wurde festgelegt, wer regiert.“: Die DDR war ein sozialistischer, zentralistischer Staat. Die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) war de facto die einzig wählbare Partei des Landes. Stichwort: Einheitsliste.
„Alle verdienten gleich viel und man durfte nicht verreisen.“: Damit umschreibt Frau Studentin die klassischen Klischees des Sozialismus. Mit dem Reiseverbot hat sie allerdings nicht ganz Recht, da Urlaub im sozialistischen Ausland hin und wieder genehmigt wurde.
„Produkte waren billig, weil nichts importiert wurde. Darum konnte man auch nur Trabi fahren.“: Naja, immerhin hat sie uns den Gag mit den Bananen erspart.
Doch die Bild wäre nicht die Bild wenn sie nicht noch andere Beispiele parat hätte.
Annina Baethge (16), Schülerin antwortete angeblich folgendes: „Erich Honecker war der erste DDR-Kanzler. Die Staatspolizei hieß Stasi und hat aufgepasst, dass man keine Pakete aus dem Westen bekommt. Die Leute dachten alle: ,Drüben ist alles besser’. Und man konnte keine moderne Technik und auch keine schicken Klamotten kaufen.“
„Erich Honecker war der erste DDR-Kanzler.“: Erster Staatsratsvorsitzender war Walter Ulbricht. Erich Honecker scheint den meisten Deutschen allerdings mehr im Gedächtnis hängengeblieben zu sein.
„Die Staatspolizei hieß Stasi und hat aufgepasst, dass man keine Pakete aus dem Westen bekommt.“: In der Tat zählt unsere 16 jährige hier eine von vielen Aufgaben der Stasi auf, wenn auch vermutlich die Unwichtigste von allen.
„Die Leute dachten alle: ,Drüben ist alles besser’. Und man konnte keine moderne Technik und auch keine schicken Klamotten kaufen.“: Ob das wirklich alle gedacht haben darf bezweifelt werden, man kann sich aber darauf einigen, dass so vermutlich viele gedacht haben. Das mit der modernen Technik und den schicken Klamotten vernachlässigen wir im Retro-Zeitalter einfach mal.
Doch die Bild hat noch weitere heiße Eisen im Feuer.
Wie zum Beispiel Florian Becker (23), Mechatroniker: Florian Becker (23), Mechatroniker: „Ich weiß, dass die Stasi für Sicherheit gesorgt hat. Erich Honecker war Präsident und konnte das Scheitern des Staates nicht aufhalten, weil plötzlich alle ausreisen durften. Die Menschen wohnten in Plattenbauten und haben immer FKK gebadet.“
„Ich weiß, dass die Stasi für Sicherheit gesorgt hat.“: Ja, ähnlich wie Schäuble heute. Darum spricht man ja bei einer totalen Überwachung von STASI-Methoden!
„Erich Honecker war Präsident und konnte das Scheitern des Staates nicht aufhalten, weil plötzlich alle ausreisen durften.“: Etwas vereinfacht dargestellt aber durchaus akzeptabel.
„Die Menschen wohnten in Plattenbauten und haben immer FKK gebadet.“: Wir stellen fest, auch ein Mechatroniker braucht Klischees an die er sich halten kann.
Es folgt eine Sportlehrerin.
Henrike Krysewski (26), Sportlehrerin: „Die Menschen waren patriotisch und haben viel gesungen. Weil viele arbeitslos waren, haben sie alles geteilt, hatten ein starkes Heimatgefühl. Es stank überall nach Kohle und der Staat wurde vom Geheimdienst überwacht. Es gab kein Privateigentum.“
Sie versorgt uns hauptsächlich mit den klassischen Vorurteilen gegenüber der DDR. Obwohl sie uns wenig Geistreiches liefert, kann man ihre Aussage nicht als grundlegend falsch abstempeln.
Der Hammer ist jedoch Tama Gökdal (22), arbeitslos: „Das ,R‘ in DDR steht für Republik, Bonn war die Hauptstadt. Hitler war der Boss, ließ eine Mauer um sein Reich bauen. Wenn die Ostdeutschen in den Westen wollten, mussten sie ein Formular ausfüllen. Berlin war mal DDR, Sachsen gehörte glaub ich auch dazu.“
Zusammenfassend kann man hier wohl behaupten, dass beinahe alle Tatsachen um 180 Grad verdreht erscheinen. Ost-Berlin, nicht Bonn war die Hauptstadt, Honecker nicht Hitler war eine lange Zeit der Boss und wenn Westdeutsche in den Osten wollten, mussten sie ein Formular ausfüllen.
Wie dem auch sei, es gibt ein paar Merkwürdigkeiten in der Art und Weise wie uns die Bildzeitung die Wissenslücken junger Leute präsentiert.
Zum einen gehört zu einer repräsentativen Umfrage die genaue Angabe der Befragten und ihrer Antwortmöglichkeiten in Zahlen. Dies bleibt uns die Bildzeitung natürlich schuldig. Wir wissen also weder, wie viele Personen befragt wurden, noch wie viele Personen tatsächlich mit ihrem Wissen glänzen konnten.
Zum anderen illustriert die Bild die oben angeführten Aussagen mit Hochglanzfotos der angeblichen Antwortgeber/-innen. Diese Bilder, die stark an einen Peek & Cloppenburg Katalog erinnern, haben mit authentischen Fotos der vermeintlich interviewten Personen nichts zu tun! Bitte welche Schauspielstudentin räkelt sich denn so an einem Straßenschild (Bild 4) und ist jemanden eigentlich aufgefallen, dass alle dieses typische Modelgrinsen im Gesicht haben? Nein, diese Fotos gepaat mit den Aussagen nehme ich der Bildzeitung einfach nicht ab! Und wenn die Bild schon falsche Fotos abdruckt, wie weit ist es dann mit dem Wahrheitsgehalt der Antworten der jungen Leute bestellt? Wer Fotos willkürlich abdruckt, der ist auch in der Lage sich die oben gemachten Aussagen auszudenken! Betrachtet man die Struktur der Antworten, so ist meiner Meinung nach die Wahrscheinlichkeit einer Fälschung von Seiten der Bildzeitung sogar sehr hoch! Es würde mich nicht verwundern wenn die Bild hier wieder einmal Meinungsmache auf unterster Ebene betreibt! Oder warum wird gerade dem Arbeitslosen der größte Schwachsinn in den Mund gelegt?
Think about it!